7 Anzeichen, dass dein Roman fertig ist (und du aufhören kannst, ihn zu verbessern)

In den drei Jahren, die ich als freiberufliche Lektorin arbeite, habe ich viele Autor:innen kennengelernt, die ihrem Schreibtalent recht skeptisch gegenĂŒberstehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob man schon seit 15 Jahren schreibt und x BĂŒcher erfolgreich veröffentlicht hat, ob man weiblich oder mĂ€nnlich ist. Unsicherheit betrifft jeden von uns.

 

Womit ihr am meisten kĂ€mpft, ist die Frage: Bin ich schon so weit? Bin ich schon so weit fĂŒr ein Lektorat, oder sollte ich nicht lieber selbst noch eine Weile am Manuskript tĂŒfteln? Bin ich schon so weit, mein Buch zu veröffentlichen, oder wĂ€re es nicht doch besser, es klammheimlich in der Schublade verschwinden und das mit der Schreiberei bleiben zu lassen? Die alles entscheidende Angst lĂ€sst sich auf vier simple Worte herunterbrechen:

Noch nicht gut genug.

Noch nicht gut genug, um von irgendwem gelesen zu werden.
Noch nicht gut genug, um einem Verlag geschickt zu werden.
Noch nicht gut genug, um lektoriert zu werden.
Noch nicht gut genug, um veröffentlicht zu werden.
Noch nicht gut genug, um 5-Sterne-Rezensionen zu erhalten.

 

Das eigentliche Problem ist nicht der Aspekt „nicht gut genug“, denn sind wir mal ehrlich: Wer von uns hat schon an jedem Tag das GefĂŒhl, ausreichend getan zu haben und zu sein? Das Problem ist dieses böse Wörtchen „noch“. Es schwindelt dir vor, dass du nie fertig bist, denn es gibt stĂ€ndig etwas, das noch erledigt werden muss. Wenn du so weitermachst, hast du deinen Roman mit 90 noch nicht veröffentlicht.😉

 

Der eigene Perfektionismus sitzt fast allen im Nacken, und so stellt die Frage danach, wann ein Roman als “fertig” betrachtet werden kann, viele Autor:innen vor eine echte Herausforderung. Die Wahrheit ist: Niemand kann sie dir beantworten, auch kein Lektor oder Verlag. Ein Buch ist kein technischer Gebrauchsgegenstand, der entweder funktioniert oder eben nicht. Ob es begeistern und mitreißen kann, liegt allein im Auge des Betrachters 
 Ă€h, Lesers. Und darauf hast du nur begrenzt Einfluss.

Ein Roman ist kein Gebrauchsgegenstand, sondern ein Kunstwerk. Er wird nie 100 % fertig sein, denn er lĂ€sst sich beliebig verĂ€ndern. Aber es gibt einen Punkt, ab dem du dein Buch nur noch verschlimmbessern kannst – diesen solltest du erkennen und es dann gut sein lassen.

Aber woher weißt du, wann es Zeit ist, es gut sein zu lassen? Um dir diese EinschĂ€tzung zu erleichtern, sind hier 7 Anzeichen, dass dein Roman fertig und bereit fĂŒr die Veröffentlichung ist:

1. VollstÀndige und in sich stimmige Handlung

Alle wichtigen HandlungsstrĂ€nge sind am Ende abgeschlossen und ergeben eine fĂŒr deine Leser:innen sinnvolle Auflösung. Die wichtigsten Fragen wurden beantwortet, und der Schluss schenkt einem ein GefĂŒhl von Befriedigung. Das bedeutet: Es gibt einen logischen Zusammenhang zwischen den einzelnen Szenen und jedes Ereignis trĂ€gt zur Entwicklung der Geschichte bei. Durch den Verlauf wird der Leser gefesselt, denn Spannung, unvorhergesehene Wendungen und Konflikte machen Lust darauf, weiterzulesen.

2. Charakterentwicklung

Die Entwicklung der Figuren ist ein wesentlicher Bestandteil des Romans, da sie die Handlung fĂŒr die Leser:innen ĂŒberhaupt erst miterlebbar machen. Umso wichtiger ist es, dass ihre Entwicklung, die durch Geschehnisse, Begegnungen und Konflikte getriggert wird, in einem nachvollziehbaren Tempo geschieht. Deutliche Anzeichen fĂŒr eine klare Charakterentwicklung sind:

Die Motivation der Figur (Ziele und SehnsĂŒchte) verĂ€ndert sich im Lauf der Handlung.

Die Figur ĂŒberwindet letztendlich Hindernisse, die sie zu Anfang der Geschichte noch blockierten.

Die Figur durchlebt innere Konflikte und schließlich Selbsterkenntnisse, die sie zu dem Menschen machen, der sie eigentlich ist (ihr wahres Selbst).

3. Sprachliche QualitÀt

Du erkennst, dass dein Roman von hoher sprachlicher QualitĂ€t ist, wenn der ErzĂ€hlstil flĂŒssig und gut lesbar ist, also ohne abrupte SprĂŒnge und holprige Passagen auskommt. Du spielst in ausgewogenem Maß mit Metaphern, bildhafter Sprache, prĂ€gnanten Beschreibungen und lebendig geschriebenen Dialogen (kein sagte/fragte/sagte/fragte). Eine Variation an unterschiedlichen Stilelementen (= ein flĂŒssiger Schreibstil) macht es dem Leser leicht, in deine Geschichte einzutauchen und sich darin zu verlieren. Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung sollten natĂŒrlich auch korrekt sein.😉

Lektorat Korrektorat Unterschied

4. Überarbeitung

Du hast deinen Roman bereits 2-3x ĂŒberarbeitet und dabei Schwachstellen behoben, den Schreibstil verbessert und unnötige Passagen entfernt. Außerdem hast du ihn Beta- bzw. Testleser:innen anvertraut und ihr Feedback berĂŒcksichtigt.

Achtung: Genau JETZT solltest du aufhören, das Buch im Alleingang zu verbessern. Wenn es um das eigene Werk geht, ist man versucht, auch noch eine vierte, fĂŒnfte und sechste Überarbeitungsrunde vorzunehmen, denn man könnte ja etwas ĂŒbersehen haben. Es gibt immer etwas, das noch nicht vollkommen rund ist. Aber solange du deinem Perfektionismus nachgibst, trittst du auch gleichzeitig auf der Stelle. Perfektionismus bremst dich in deiner KreativitĂ€t und bestĂ€tigt dich in deiner Angst, noch nicht bereit fĂŒr die Öffentlichkeit und damit die Meinung anderer zu sein. Es ist also ratsam, es bei 90, 95 oder 97 % Vollkommenheit gut sein zu lassen, als seinen Roman niemals zu veröffentlichen – denn wofĂŒr hat man sich sonst die viele Arbeit gemacht?

5. Emotionale Resonanz

Der Roman konnte deine Beta- und Testleser:innen berĂŒhren, z. B. weil sie mit den Figuren und ihren individuellen Problemen mitgefiebert und mitgelitten haben. Wenn eine Figur nahbar, sympathisch und ihre Denk- und Handlungsweise nachvollziehbar wirken, können sich Leser:innen leichter mit ihr identifizieren und empfinden MitgefĂŒhl, Freude, Spannung oder Trauer. Eine emotionale Bindung zu den Charakteren deines Romans ist wichtig, damit man als Leser:in einen Zugang zur Geschichte bekommt und es einen kĂŒmmert, wie es mit den Figuren weitergeht. Löst die Geschichte hingegen lediglich GleichgĂŒltigkeit bei deinen Leser:innen aus, ist das ein sicheres Zeichen dafĂŒr, dass du es nicht geschafft hast, eine emotionale Verbindung zwischen den Charakteren und deiner Zielgruppe zu kreieren.

6. ErfĂŒllung der eigenen Vision

Nachdem du dir ganz viele Meinungen von außen angehört hast, ist es genauso wichtig, in dich selbst hineinzuspĂŒren: Spiegelt der Roman deine ursprĂŒngliche Vision wider oder ĂŒbertrifft sie sogar? FĂŒhlt er sich nach dir an? Hast du es geschafft, die Botschaft unterzubringen, die dir von Beginn an am Herzen lag? SpĂŒrst du, dass du alles gesagt hast? Im besten Fall fĂŒhlst du mehr Zufriedenheit und Stolz auf dein Werk als Verunsicherung. Letzteres stellt sich meist erst ein, wenn man der Gedankenspirale zum Opfer fĂ€llt oder sich zwischen den vielen Erfolgsgeschichten der Autor:innen auf Instagram nur wie ein kleines Lichtlein vorkommt. Entscheidend ist das allererste GefĂŒhl, das aus dem Unterbewusstsein kommt, nicht das nagende GefĂŒhl der Furcht, das sich mit zunehmender Vergleicheristis einstellt. Also: Was fĂŒhlst du tief in dir drin? 🌾

7. Beratung von Fachleuten

EndgĂŒltig fertig ist dein Herzensprojekt erst, wenn du es nicht vollkommen im Alleingang erschaffen hast, sondern dir professionelle Hilfe mit ins Boot geholt hast. Das behaupte ich nicht, weil ich als Lektorin Geld verdienen möchte đŸ€‘, sondern weil niemand von uns ein Genie auf allen Gebieten ist. Manche plotten gern, tun sich aber beim tatsĂ€chlichen Schreiben schwer. Manche konstruieren wunderschön beschriebene Landschaften, schaffen es aber nicht, ihren Figuren Leben einzuhauchen. Sobald man erkennt, dass man nicht alles allein hinkriegen muss, sondern sich Hilfe von außen suchen darf und sollte, hebt man die Grenzen dessen auf, was möglich ist. Oder anders ausgedrĂŒckt: Wenn du die richtigen Leute kennst (professionelle Lektor:innen, Literaturagent:innen, Cover-Designer:innen und Setzer:innen), trĂ€gt ihre Arbeit dazu bei, den Wert deines Romans immer weiter zu steigern und so auf eine erfolgreiche Veröffentlichung vorzubereiten.

Dir hat der Artikel gefallen? Dann hinterlasse mir gern einen lieben Kommentar oder teile ihn mit anderen Perfektionisten. 😚